Fohlen & Aufzucht
Aufwachsen mit Vertrauen
„Wir züchten keine Pferde.
Wir ziehen Partner fürs Leben gross.“
— Sandra Müller
Der erste Schritt eines langen Weges
Ein Pferd beginnt seinen Weg nicht erst, wenn es zum ersten Mal einen Sattel trägt. Es beginnt viel früher:
auf der Weide, in der Herde, zwischen Menschen, anderen Pferden, in Bewegung, bei Wetter, im Alltag und in der Ruhe und Erholung.
Deshalb nehmen wir uns für unsere Fohlen Zeit. Sie sollen in Ruhe wachsen dürfen, aufgeschlossen neugierig werden, Vertrauen fassen und Schritt für Schritt lernen, dass die Welt nicht laut sein muss, um spannend zu sein.

Wie ein Pferd wirklich wird, was es ist
Ein Pferd zeigt später, was in seiner Aufzucht gelebt und hochgehalten wurde.
Nicht als Ergebnis eines Programms – sondern als Ergebnis von Zeit, Beobachtung und aufrichtiger Fürsorge.
Wir haben für uns neun Grundsätze formuliert, nach denen unsere Fohlen aufwachsen. Keine Checkliste. Sondern Teil unserer Haltung.
„Ein gutes Pferd beginnt nicht mit Ausbildung.
Es beginnt mit Vertrauen.“
— Sandra Müller
1 — Zeit
Der wichtigste Grundsatz, den man nicht abkürzen kann
Wir leben in einer Welt, die Ergebnisse schnell sehen will. Junge Pferde haben davon gehört – und interessieren sich herzlich wenig dafür.
Ein Fohlen, das auf die Welt kommt, braucht zunächst eines: die Möglichkeit, in Ruhe Fohlen zu sein. Nicht mehr. In den ersten Monaten seines Lebens lernt es durch Beobachtung, durch Spiel, durch die Nähe zur Mutter und zur Herde. Es verarbeitet Eindrücke. Es testet Grenzen. Es schläft. Es rennt. Es steht einfach in der Sonne.
Das klingt bescheiden – und ist doch der Grundstein für alles, was später kommt.
Körper und Kopf reifen nicht gleichzeitig. Knochen, Gelenke und Sehnen brauchen Jahre, um belastbar zu werden. Wer ein junges Pferd zu früh in Arbeit nimmt, riskiert nicht nur körperliche Schäden – er nimmt dem Tier auch die Erfahrungen, die es für ein stabiles Wesen braucht.
Bei uns gibt es keine Eile. Unsere Fohlen wachsen auf, bis sie bereit sind. Nicht bis wir es sind.
2 — SICHERHEIT
Sicherheit — was ein junges Pferd zum Ankommen braucht
Sicherheit ist kein Zufall. Sie entsteht durch Verlässlichkeit.
Für ein junges Pferd bedeutet Sicherheit, dass das, was gestern galt, heute noch gilt. Dass die Menschen, die es versorgen, berechenbar und ruhig sind. Dass die Umgebung nicht ständig wechselt und Veränderungen behutsam eingeführt werden.
Eine gute Herde ist dabei so wichtig wie eine gute Box – oder wichtiger. Pferde, die in einer stabilen Gruppe aufwachsen, zeigen später mehr Gelassenheit, weil sie gelernt haben, dass die Welt geordnet ist. Dass es Regeln gibt. Dass man sich auf andere verlassen kann.
Sicherheit heisst nicht Stille. Auf unserem Hof ist es lebendig: Kinder laufen über den Hof, Hunde liegen im Weg, der Traktor startet, Besuch kommt. Aber all das geschieht in einem Rahmen, der verlässlich ist. Und darin liegt der Unterschied: nicht in der Abwesenheit von Reizen, sondern in der Anwesenheit von Orientierung.
Ein junges Pferd, das sich sicher fühlt, traut sich mehr. Es ist neugieriger, offener und lernt leichter – weil es seine Energie nicht damit verschwenden muss, sich zu schützen.
3 — ALLTAG
Das Echte ist die beste Vorbereitung
Es gibt Pferde, die in einer ruhigen Anlage tadellos funktionieren – und völlig aus dem Gleichgewicht geraten, sobald die Welt etwas lauter, bunter oder unerwarteter wird.
Das liegt selten am Pferd. Es liegt daran, was es gelernt hat.
Unsere Fohlen wachsen mitten im Alltag auf. Nicht neben dem Leben, sondern in ihm. Kinder, die lärmen und lachen. Hunde, die bellen und schnüffeln. Maschinen, die starten. Fremde Menschen, die vorbeikommen. Regen, Wind, Sommer, Winter. Das alles ist normal – weil es von Anfang an normal war.
Das ist keine Methode. Das ist einfach unser Hof.
Was dabei entsteht, ist Selbstverständlichkeit. Ein Pferd, das den Alltag kennt, muss ihn später nicht erst begreifen. Es hat gelernt, die Welt einzuordnen, ohne dabei nervös zu werden. Es fragt nicht «Was ist das?» – sondern «Kenn ich, macht nichts.»
Diese innere Ruhe ist keine Eigenschaft, die man trainiert. Sie ist eine Erfahrung, die man sammelt. Und je früher, desto besser.
4 — VERTRAUEN
Das Einzige, das wirklich hält
Vertrauen lässt sich nicht einfordern. Es lässt sich nicht beschleunigen. Und es lässt sich nicht ersetzen – durch Dominanz, durch Druck, durch Wiederholung ohne Verständnis.
Vertrauen entsteht in kleinen Momenten. Wenn ein Fohlen auf etwas Neues zugeht und merkt: Ich werde dabei nicht überfordert. Wenn es stolpert und merkt: Niemand macht daraus etwas Grosses. Wenn es Grenzen testet und merkt: Die Menschen hier sind beständig, nicht launisch.
Vertrauen wächst aus vielen solcher Momente – über Monate, über Jahre. Es ist das Ergebnis davon, dass ein junges Pferd immer wieder erlebt, dass Begegnungen mit Menschen gut enden. Nicht dramatisch. Nicht spektakulär. Einfach gut.
Wir glauben daran, dass Vertrauen das Fundament für alles Weitere ist. Nicht als sentimentale Idee – sondern ganz praktisch: Ein Pferd, das vertraut, lernt leichter. Es ist in neuen Situationen ruhiger. Es kooperiert, weil es weiss, dass Kooperation sich lohnt.
Das ist kein Trick. Das ist eine Beziehung, die man sich erarbeitet.
5 — CHARAKTER
Charakter, der im Spiel entsteht
Ein Pferd mit gesundem Selbstbewusstsein ist kein schwieriges Pferd. Es ist ein vollständiges Pferd.
Durchsetzungsvermögen klingt nach Sturheit oder Dominanz – aber gemeint ist etwas anderes: die Fähigkeit eines jungen Pferdes, sich in der Gruppe zu behaupten. Den eigenen Platz zu finden. Sich nicht zu verlieren, wenn andere bestimmen wollen. Und trotzdem zu wissen, wann man nachgibt.
Das lernt kein Pferd durch Ausbildung. Das lernt es durch die Herde.
In einer gut zusammengesetzten Gruppe gibt es täglich unzählige kleine Interaktionen: Wer darf zuerst trinken? Wer weicht aus? Wer setzt sich durch, wenn es ums beste Heu geht? Diese Momente sind keine Konflikte – sie sind Schule. Soziale Schule, die Geduld, Ausdauer und einen klaren Willen formt.

Ein Jungpferd, das in einer Gruppe aufgewachsen ist, weiss, wie es sich verhalten soll. Es kennt Regeln, Hierarchien, Nähe und Abstand. Es ist resilient. Und es bringt genau das mit, was später in der Zusammenarbeit mit Menschen zählt: Standfestigkeit und Kooperationsbereitschaft zugleich.
6 — BEWEGUNG
Nicht Leistung – viemehr Begeisterung, Entwicklung
Ein Fohlen, das über die Weide galoppiert, trainiert sich. Nicht weil jemand es anleitet – sondern weil sein Körper es braucht.
Bewegung ist in der Aufzucht eines Pferdes kein Bonus. Sie ist Voraussetzung. Knochen werden durch Belastung stärker. Sehnen und Bänder brauchen wechselnde Böden, Steigungen, unterschiedliche Untergründe. Gelenke entwickeln sich durch Bewegungsvielfalt – nicht durch gleichförmiges Gehen auf ebenem Untergrund.
Das ist der grosse Unterschied zwischen Weide und Box: Auf der Weide entscheidet das Pferd selbst, wie es sich bewegt. Es rennt, wenn es Lust hat. Es bleibt stehen, wenn es Zeit ist. Es tobt, spielt, erkundet – und das alles in seinem eigenen Rhythmus.
Keine Trainingseinheit der Welt kann das ersetzen.
Wir geben unseren Jungpferden täglich ausreichend Raum und Zeit zur freien Bewegung. Ohne Aufgabe. Ohne Erwartung. Das ist keine Grosszügigkeit – das ist Verantwortung.
7 — HERDE
Was kein Mensch allein beibringen kann
Pferde sind Herdentiere. Nicht als romantische Beschreibung – sondern als biologische Tatsache. Ihr gesamtes Sozialverhalten, ihr Körpersprachsystem, ihre Art, Stress zu verarbeiten und Sicherheit zu finden: All das ist auf das Leben in einer Gruppe ausgerichtet.
Ein junges Pferd, das ohne Herde aufwächst, fehlt etwas. Nicht etwas Schönes – etwas Grundlegendes.
In der Herde lernt ein Fohlen, die Körpersprache anderer Pferde zu lesen. Es lernt, wann ein anderes Tier seine Grenzen signalisiert – und wie man darauf reagiert. Es lernt, wie Rangordnungen entstehen und sich verändern. Es lernt Geduld, weil es manchmal warten muss. Und es lernt Vertrauen, weil es sich auf andere verlassen kann.
Ältere Pferde in der Gruppe sind dabei besonders wertvoll. Sie setzen Grenzen – ruhig, klar und konsequent. Sie zeigen dem Jungpferd, wie eine geordnete Gemeinschaft funktioniert. Das ist Erziehung – ganz ohne menschliche Hilfe.
Was in der Herde gelernt wird, sitzt tief. Und es zeigt sich später: in der Gelassenheit, in der Kooperationsbereitschaft, im Umgang mit unbekannten Situationen.
8 — GESUNDHEIT
Tägliche Aufmerksamkeit, keine Einmalaktion
Gesundheit zeigt sich in kleinen Dingen. Im Fell, das glänzt oder stumpf ist. In den Augen, die wach oder matt sind. In der Art, wie ein Pferd in der Herde steht, frisst, sich bewegt. In Details, die man nur sieht, wenn man täglich hinschaut.
Genau deshalb ist regelmässige Beobachtung in der Aufzucht so wichtig. Nicht das grosse Kontrollprogramm einmal im Jahr – sondern das tägliche Hinschauen, das ehrliche Einschätzen, das frühzeitige Reagieren, wenn etwas nicht stimmt.
Zu einer guten Aufzucht gehören die richtigen Grundlagen: regelmässige Impfungen, tierärztliche Kontrollen, Hufpflege in verlässlichen Abständen, Zahnkontrollen und Parasitenmanagement nach Bedarf – nicht nach Kalender. Jungtiere sind anfälliger als ausgewachsene Pferde. Ihr Immunsystem ist im Aufbau, ihr Körper reagiert empfindlicher auf Parasiten, auf Mangelzustände, auf Belastung.
Wer eine gute Aufzucht macht, spart keine Tierarztbesuche. Er spart spätere Probleme.
Uns ist dabei auch die Dokumentation wichtig: Equidenpass, Impfnachweise, tierärztliche Befunde – alles, was zu einem Pferd gehört und später nachvollziehbar sein soll.
9 — ERNÄHRUNG
Nicht viel – sondern genau richtig
Ein junges Pferd frisst nicht wie ein erwachsenes. Es wächst. Und wachsen ist anspruchsvoller, als die meisten denken.
Der grösste Fehler in der Jungpferdeernährung ist nicht Mangel – es ist Überversorgung. Zu viel Energie, zu viel Eiweiss, zu schnelles Wachstum. Was nach Fürsorge aussieht, schadet dem Körper: Knochen und Gelenke wachsen unter Druck und werden anfälliger. Das merkt man manchmal erst Jahre später.
Ein gesundes Jungpferd soll gut entwickelt sein – aber nicht übermässig bemuskelt. Es soll langsam und gleichmässig wachsen, nicht in Schüben, die den Bewegungsapparat belasten.
Die Grundlage bildet immer Raufutter: gutes Heu, Weidegang, sauberes Wasser. Mineralstoffe und Spurenelemente ergänzen, was Wiese und Heu nicht liefern können – das ist besonders in der Wachstumsphase entscheidend, weil Knochen, Gelenke und Muskeln darauf angewiesen sind.
Kraftfutter ist kein Standard. Wenn überhaupt, dann sparsam, gezielt und auf den tatsächlichen Bedarf abgestimmt – nach Alter, Entwicklung, Jahreszeit und Weidequalität.
Wir beobachten unsere Jungpferde täglich: Fell, Gewicht, Muskulatur, Kot, Energie. Nicht weil wir Angst haben – sondern weil das die einzige Möglichkeit ist, rechtzeitig zu merken, ob etwas angepasst werden sollte.
Diese neun Grundsätze sind nicht das Ergebnis eines Lehrbuches. Sie sind das, was wir im Laufe der Zeit als richtig erkannt haben – durch Beobachtung, durch Fehler, durch Pferde, die uns etwas beigebracht haben. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber wir stehen für das, was hier steht.
Wenn Du mehr darüber wissen möchtest, wie unsere Fohlen aufwachsen – meld dich gerne. Wir antworten ehrlich.
Häufige Fragen –
bevor aus Interesse Verantwortung wird
Wir beantworten Fragen gerne direkt, also ungeniert Kontakt aufnehmen!